von Dr. Gunter Jess: Die Pommern können ziemlich dickköpfig und ausdauernd sein, wenn es Ihnen an die „Substanz“ geht. Das sehen wir beim bereits zweijährigen Kampf der Bürgerinitiative um den Erhalt der Kinderstation und der Frauenstation im Krankenhaus Wolgast und das sehen wir nun auch beim Streit um den Namen der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.

Weniger kernige Bürger hätten die Veränderungen längst akzeptiert und sich vor den Fernsehapparat oder in sonstige Freizeitaktivitäten zurückgezogen statt für die eigenen berechtigten Ansprüche zu kämpfen.

Man könnte sogar sagen, der Streit um den Namen Ernst-Moritz-Arndt ist ein lokaler Kulturkampf. Wochenlang hat die Ostsee-Zeitung – diesmal in guter journalistischer Manier – Lesermeinungen pro und contra des Namens Ernst-Moritz-Arndt veröffentlicht. Die deutliche Mehrheit der sich äußernden Leser ist gegen die Ablegung des Namens.

Doch der Senatsbeschluß, den Namen abzulegen, existiert. Zwar ist die Bestätigung des Aufsichtsorgans, des Bildungsministeriums, aus formalen Gründen noch versagt worden, aber ein neuer, formal korrekter Beschluß des Senats ist bereits in Vorbereitung.

Die Proteste aus der regionalen Bevölkerung haben die Mitglieder des Senats in ein Dilemma gebracht. Und nicht nur diese, denn auch die links-grüne Mehrheit in der Bürgerschaft der Hansestadt hatte die Senatsentscheidung im Nachhinein unterstützt.

Man darf nun gespannt sein, wie der Universitätssenat das Dilemma auflösen wird.

Bestätigt er seinen ursprünglichen Beschluß, den Namen abzulegen, dann bestätigt er damit auch eine gewisse akademische Abgehobenheit – ganz nach dem Motto: was interessiert uns die Meinung der Bevölkerung. Formaljuristisch könnte er sich dabei auf die Autonomie der Universität berufen.

Aber! Ist der Senat die Universität? Haben die gewählten Mitglieder des Senats nicht die moralische Verpflichtung, gerade in der Frage der Namensgebung, der Mehrheitsmeinung ihrer Wähler zu entsprechen. Hier geht es eben nicht um besondere Fachkompetenz der Senatsmitglieder, sondern hier geht es um ideologische Deutungshoheit.

Aus meiner Sicht haben die Senatsmitglieder nun eine zweite Chance, nämlich die Namensablegung neu zu überdenken und dabei doch das Gesicht zu wahren:

  1. Zum einen könnten sie der Forderung der Mitarbeiter und Studenten der Universität nachgeben und einer vorgeschlagenen Urabstimmung zustimmen, um das dann ermittelte Stimmungsbild zu berücksichtigen. Das dürfte pro Arndt ausfallen!
  2. Zum anderen könnte die nachträgliche Debatte in der Öffentlichkeit um den Namenspatron Ernst-Moritz-Arndt bei manchem der Senatoren doch eine neue umfassendere Bewertung der Situation hervorgerufen haben. In dieser Frage sei der Auftritt von Götz Aly am 26.04.17 in der Aula und sein vorheriges Interview in der OZ vom 25.4.17 erwähnt.

Götz Aly ist als politisch links zu verortender Politikwissenschaftler auch für die Arndt-Gegner zunächst einmal unverdächtig, die „falschen Positionen“ zu vertreten.

Doch Götz Aly bezeichnet die Ablegung des Universitätsnamens als „Geschichtsexorzismus“, bei dem ihn besonders die fehlende Demut vor der Geschichte und den Leistungen unserer Vorfahren ärgert. Ernst-Moritz-Arndt gehört zur deutschen Geschichte. Die „Exorzisten“ halten sich für die besseren Menschen und die Spitze des moralischen Fortschritts. Doch aus solcher Haltung erwachse nur Antiliberalismus und Totalitarismus.

Liebe Leser dem ist nichts hinzuzufügen!

Offenbar und erfreulicherweise ist es möglich aus unterschiedlichen politischen Richtungen über unvoreingenommenes Denken zu vernünftigen, unideologischen, lebensbejahenden Aussagen zu finden.

Wünschen wir den Arndt-Gegnern unter den Senatsmitglieder einen vergleichbaren Erkenntnisgewinn  – im Sinne eines Miteinander von Universität und Region und im Sinne eines menschlichen Geschichtsverständnisses.

Dr. Gunter Jess
Eingestellt von Dr.Gunter Jess. Er ist Gründungsmitglied der Alternative für Deutschland in Mecklenburg-Vorpommern. Für die Landtagswahk 2016 kandidiert er auf Platz 5 der Landesliste. Weiterhin vertritt er unsere Wähler im Kreistag Vorpommern-Greifswald.